Frankfurt 2042 – Band 1
Nato
Ray folgte nicht.
Er stand in der dunklen Wohnung einer toten Frau, das Regenwasser lief ihm aus dem Kragen den Rücken hinunter, und er sah den Hund an. Der Hund sah zurück, ohne zu drängen und ohne auszuweichen, mit der Geduld von etwas, das seine Zeit in Sekunden kannte und trotzdem welche übrig hatte.
Ray kannte diesen Blick. Das war das Problem. Er kannte ihn aus einer Einsatzgarage vor sechs Jahren, aus einer anderen Zeit seines Lebens: ein Welpe zwischen Stiefeln und Ausrüstungskisten, ein Versuchsprogramm mit einem Namen, den niemand ernst nahm, und ein Tier, das damals schon zuhörte, als verstünde es jedes Wort. Sie hatten ihn Nato genannt. Ray hatte ihm Fleischwurst zugesteckt, gegen jede Dienstvorschrift, und der Welpe hatte nie jemanden verraten.
Der Hund, der jetzt vor ihm stand, war größer, ruhiger und falscher. Unter dem nassen Fell zeichneten sich Linien ab, die kein Tierarzt erklärt hätte, und wo der Kiefer in den Hals überging, saß etwas, das im wenigen Licht matt schimmerte. Aber die Augen waren dieselben.
»Nato«, sagte Ray.
Der Hund legte den Kopf minimal schräg. Eine Bewegung wie aus einem alten Leben, aufgesetzt auf einen Körper, der nicht mehr ganz dazugehörte.
Hallo, Ray.
»Du warst weg. Zwei Jahre. Die haben dich als vernichtet geführt.«
Ich weiß, wie sie mich geführt haben.
»Wo warst du?«
Der Hund sah kurz zur Balkontür, dorthin, wo der Regen auf die Tote fiel, und dann wieder zu Ray. Er antwortete nicht. Es war die deutlichste Antwort des ganzen Abends.
»Und was bist du jetzt?«, fragte Ray. »Was zur Hölle bist du jetzt?«
Später. Unten stehen zwei Fahrzeuge, das dritte parkt an der Rückseite. Sie machen erst das Treppenhaus, dann die Etagen. Sechs Minuten, eher fünf.
Draußen schob sich weißes Licht in gleichmäßigen Bahnen über die Fassade, geräuschlos und gründlich. Keine Sirenen. Konzernkräfte fuhren ohne — sie mussten niemanden warnen, sie mussten nur ankommen.
Ray sah noch einmal zum Balkon. Die Frau lag im Regen, und niemand auf der Welt würde für sie eine Kerze anzünden, solange ihr Gesicht eine Baustelle aus toten Fäden war. Er hätte gern gewusst, wie sie wirklich hieß. Er hätte gern eine einzige Sache an diesem Abend gewusst.
Ray. Die Stimme im Kopf war ruhig, aber sie hatte jetzt eine Kante. Der Fluchtweg hält nicht ewig.
»Ich hasse Silvester«, sagte Ray zu niemandem, und folgte dem Hund in den Flur.